Göttinger Migrationszentrum feiert 30. Bestehen

Thu, 02 Sep 2021 15:27:48 +0000 von Jeanine Rudat

Mit einem großen Banner am Hauptstandort in der Weender Straße und einem Geburtstagskuchen, überreicht von Jörg Mannigel, Geschäftsführer des Diakonieverbandes Göttingen, hat das Migrationszentrum für Stadt und Landkreis Göttingen (MIZ), eine Abteilung des Diakonieverbandes in Trägerschaft des Kirchenkreises Göttingen, heute (02.09.) sein 30-jähriges Bestehen gefeiert.
 
30 Jahre Migrationszentrum bedeutet auch 30 Jahre Migrationsberatung für ganz unterschiedliche Zielgruppen. Migrant:innen, Zufluchtsuchende, Deutsche sowie Menschen ohne einen definierten Aufenthaltsstatus aus der Stadt und dem Landkreis Göttingen, sowie auch Ratsuchende aus dem Landkreis Northeim haben die Angebote des Göttinger Migrationszentrums an den drei Standorten in der Weender Straße 42, Am Leinekanal 4 und in der Schillerstraße 21 in Anspruch genommen. 
 
Diese umfassen drei Bereiche: Beratung, Bildung und Begegnung. Neben der regulären Integrationsberatung und Flüchtlingssozialarbeit werden diese zielgruppenorientiert in der Projektarbeit umgesetzt. Dazu gehören Projekte, wie Geflüchtete in ein Ehrenamt, z.B. bei der Tafel, zu vermitteln, Deutschkurse zu geben oder Hausaufgabenhilfe anzubieten.
 
Da ca. 70 Prozent der Mitarbeitenden, zwölf Mitarbeitende in Vollzeitbeschäftigung, eine Zuwanderungsbiografie haben, verfügt das internationale Team über einen Pool von 30 Sprachen. Dies hilft nicht nur bei der Arbeit in der eigenen Einrichtung, sondern auch übergreifend im Diakonieverband, weiß Jörg Mannigel. „Durch die Schnittmenge der Klienten arbeitet das Migrationszentrum zum Beispiel auch eng mit unserer Fachstelle für Sucht und Suchtprävention sowie der Straßensozialarbeit zusammen. Gibt es z.B. beim Streetworken Verständigungsprobleme hilft das Migrationszentrum beim Dolmetschen. Das ist auch die Stärke unseres Diakonieverbands. Die Mitarbeitenden unserer Abteilungen unterstützen sich gegenseitig. Wir alle arbeiten für ein Ziel: Menschen zu helfen.“
 
Hilfe braucht aber auch das Migrationszentrum für seine Arbeit, denn die Fortführung seiner zentralen Beratungsangebote ist ungewiss. Das Land Niedersachsen hat in seinem Haushaltsentwurf für den Bereich Migrationsberatung Mittelkürzungen um rund 70 Prozent vorgesehen. Für alle Migrationsberatungsstellen in Niedersachsen bedeutet das insgesamt eine Reduzierung der Finanzmittel von 10.060.000 Euro in diesem Jahr (6.272.000 im Jahr 2022, 5.268.000 im Jahr 2023) auf 3.268.000 Euro im Jahr 2024. Mit einer solchen Kürzung könnte die Migrationsberatung ihre entscheidende Rolle für den Integrationsprozess nicht mehr wahrnehmen. Ihr Wegfall ist durch andere Strukturen und Sozialberatungen nicht kompensierbar.
 
Auch für das Migrationszentrum in Göttingen hätte dies voraussichtlich erhebliche Auswirkungen, so Leiter Dana Gaef: „Aktuell haben wir 2,5 Stellen, die von den Kürzungen betroffen sein könnten. Die Kernaufgaben des Migrationszentrums, nämlich die allgemeine Integrationsberatung und Flüchtlingssozialarbeit, werden nicht mehr zu schaffen sein. Unsere Ratsuchenden haben sehr unterschiedliche und oft umfangreiche Anliegen, die viel Zeit in Anspruch nehmen. Fallen unsere Stellen also weg, werden unsere Klient*innen mit einem Großteil ihrer Probleme auf sich allein gestellt sein und damit an ihrer Integration gehindert, ihre gesellschaftliche Teilhabe wird erschwert.“
 
Doch noch hat das Migrationszentrum Hoffnung, denn „die verschiedenen Träger haben niedersachsenweit mit Nachdruck begonnen, über die zentrale Bedeutung und stetig anerkannte Notwendigkeit der Migrationsberatungsbestellen im Land zu informieren“, erklärt Jörg Mannigel. „Die Landesregierung hat den derzeitigen Haushaltsplanentwurf zwar bereits abgestimmt, wir hoffen jedoch sehr, dass es noch vor der beschließenden Sitzung des Landtages im letzten Quartal des Jahres gelingt, den elementaren Beitrag der Migrationsberatung hinsichtlich der Integration zugewanderter Menschen im Land zu vermitteln. Der Anteil der Landesfinanzierung an den Beratungsstellen vor Ort darf nicht gekürzt werde. Dafür ist er für den Erhalt der unabdingbaren Regelangebote viel zu wichtig!“
 
Die Arbeitsgemeinschaft der freien Wohlfahrtspflege in Göttingen, stimmt gerade einen Brief an Landtagsabgeordnete ab, um im Namen der Wohlfahrtsverbände, wie der Caritas oder der AWO, die auch mit je einer Stelle von den Kürzungen betroffen wären, auf die Bedeutung der Migrationsarbeit und die Erforderlichkeit der Finanzierung aufmerksam zu machen, denn, so MIZ-Leiterin Zeliha Karaboya: „Migrationsarbeit ist eine wichtige Arbeit, die kontinuierlich durchgeführt werden muss. Viele Projekte müssen wir Jahr für Jahr neu beantragen. Diese Ungewissheit ist keine gute Grundlage, um Fachkräfte im Migrationszentrum zu halten und bindet auch immer wieder Ressourcen, die wir für die Projekte benötigen.“
 
„Aber auch die positiven Beispiele zeigen, wie wichtig Migrationsberatungsstellen sind“, ergänzt Dana Gaef lächelnd. „Allein in der Weender Straße haben wir fünf Menschen beraten, die jetzt hier mit einem Geschäft selbständig sind.“