Predigt über Jesaja 52, 7-10 – 1. Weihnachtstag 2020 - Superintendent Friedrich Selter

Fri, 25 Dec 2020 09:37:14 +0000 von Superintendentur Göttingen

Wie lieblich sind auf den Bergen die Füße des Freudenboten, der da Frieden verkündigt, Gutes predigt, Heil verkündigt, der da sagt zu Zion: Dein Gott ist König! Deine Wächter rufen mit lauter Stimme und jubeln miteinander; denn sie werden’s mit ihren Augen sehen, wenn der Herr nach Zion zurückkehrt. Seid fröhlich und jubelt miteinander, ihr Trümmer Jerusalems; denn der Herr hat sein Volk getröstet und Jerusalem erlöst. Der Herr hat offenbart seinen heiligen Arm vor den Augen aller Völker, dass aller Welt Enden sehen das Heil unsres Gottes. (Jesaja 52, 7-10)

Liebe Gemeinde!


Weihnachten ohne Gesang geht eigentlich nicht. „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden“, gehört gesungen. Wo bei den Menschen seines Wohlgefallens Freude und Jubel ist, da ist auch Gesang. Aber das geht in diesem Jahr nicht. Leise und verhalten kann unser Lob nur über die Lippen gehen und auch das nur zuhause und am besten hinter vorgebundenem Mund-Nasen-Schutz. 


Was würden wir darum geben, wenn in diesen nun zwangsläufig stillen Tagen und Nächten von ferne Schritte zu hören wären, die über die Weserberge zu uns hallen würden, und dem Boten seine gute Nachricht schon vorauseilen würde: „Die Pandemie ist so gut wie überwunden. Ihr braucht keine Angst mehr zu haben. Ein Medikament ist verfügbar, das zuverlässig hilft, und ein Impfstoff, der für alle ausreicht. Schon bald hat das Elend ein Ende.“ Wir würden doch alle unseren Jubel nur mit Mühe zurückhalten können und jedenfalls erleichtert aufatmen. Christ der Retter ist da!


Es kommt ein Schiff, geladen, bis an sein´ höchsten Bord. Es trägt ein teure Last über das Mittelmeer. Aber es geht nicht still im Triebe, sondern die Wellen schlagen über die Reling und die Menschen haben Todesangst in den Augen und zittern vor Kälte. Was würden sie darum geben, wenn sich über die Wellenberge ein sicheres Schiff nahen und sie übernehmen würde. „Ihr habt es bald geschafft. Bald ist das Schiff an Land.“ Segel, wie von liebevollem Mitgefühl gebläht und der Mast dorthin weisend, wo ihre Gebete schon längst Gehör gefunden haben. 
Und wenn sie dann nach vier perspektivlosen Jahren im elenden Lager auf Lesbos von ferne Schritte hören könnten, die über die Berge des Peloponnes zu ihnen herüberhallen würden, und dem Boten aus Brüssel seine gute Nachricht vorauseilen würde: „Die Knechtschaft hat ein Ende. Ein sicherer Hafen für Euch ist gefunden, wo man Euch willkommen heißt und wo Ihr gebraucht werdet.“ Der Jubel würde jahrelang durch die Berge schallen und noch im Harz seinen Widerhall finden.

Und viele Menschen mehr können wir uns vorstellen in der Nähe und in der Ferne, die sich danach sehnen würden, endlich Schritte zu hören von jemandem, der gute Nachricht brächte. Wir fänden sie auf den Intensivstationen der Kliniken und in den Wohnungen der Einsamen, in den Hunger- und Kriegsgebieten dieser Erde und dort, wo der Raubbau an der Natur ganze Landstriche unbewohnbar gemacht hat, in den Folterkammern der Diktatoren und an vielen anderen Orten, manchmal auch in unserem eigenen Herzen. Wo bleibst Du, Trost der ganzen Welt? Wer hört die Schritte deiner Füße?



Herausgeführt hat Gott sein Volk Israel aus dem Exil in Babylon. Befreit hat er es von ihren Unterdrückern. Und aus den Trümmern ihrer Stadt Jerusalem sind wieder schützende Mauern geworden und ihre Brunnen führten wieder Wasser, dass sich Groß und Klein daran erfrischen konnten. Die Zeit der Despoten war abgelaufen. Der Ewige Gott hat sein Volk erlöst und es bis heute auf wunderbare Weise durch die Katastrophen der Geschichte bewahrt.



Hoffnungsbilder, die Menschen einander seit Jahrhunderten weitererzählen bis zum heutigen Weihnachtsfest. Als Jesus geboren wurde, zur Zeit des Römischen Kaisers Augustus, der sich selbst Gott-Kaiser nannte, erinnerte man sich dieser Bilder. Wen der Freudenbote damals ankündigte, als seine Füße die Berge überwanden, der ist nun gekommen, um die Menschen zu befreien. Nein, er hat die Mächtigen nicht vom Tron gestürzt. Aber er hat ihnen die Macht auf andere Weise genommen. Indem er den Menschen eine Hoffnung ins Herz gepflanzt hat, dass nicht diejenigen das letzte Wort behalten, die mit dem Tod regieren und sich dazu selbst ewige Amnestie erteilen. Da haben die Dornen Rosen getragen. Und über die Berge hallt die Stimme des Freudenboten: Der Mensch hat einen unverlierbaren Wert aufgrund der Liebe Gottes, egal, ob er in Samt und Seide oder auf Heu und Stroh gebettet ist. 



Wer immer zu jenem Stall gekommen war bis zum heutigen Tage, einem Ort, der als Hausnummer den Stern trägt, ist verändert weitergezogen. Mit einer großen inneren Freiheit und dem Wunsch, anderen weiterzusagen und weiterzugeben. Hoffnung, die nie mehr stirbt. Hoffnung, für alle, die im Finstern wohnen und Licht am Ende des Tunnels herbeisehnen: 
Jetzt ist Weihnachten. 



Und die Schritte der Freudenboten werden nachhallen 
bis lange nach Weihnachten: 
Christ, der Retter, ist da. Christ, der Retter, ist da.

Amen.