Weihnachtsansprache von Superintendent Friedrich Selter

Thu, 24 Dec 2020 23:00:00 +0000 von Jeanine Rudat

Weihnachten findet statt, auch in diesem schlimmen Jahr. Auf seinem Weg zu uns Menschen lässt sich Gott nicht aufhalten. Und schon gar nicht dann, wenn wir es so schwer haben wie jetzt. Gott teilt unser Leben in Freud und Leid von der Wiege bis zur Bahre, von der Krippe bis zum Kreuz. Und will unsere Hoffnung stärken, dass er uns auch durch den Tod in neues Leben geleitet. Noch jede Dunkelheit will er mit dem Licht seiner Liebe und Treue erhellen. Diese frohe Botschaft kriecht zu Weihnachten in der kleinsten Hütte unter und macht sie hell und warm. 

Viele haben aufgrund der Pandemie zu leiden und sind der Verzweiflung nahe. Die Tränen derer gehen mir zu Herzen, die jetzt um ihre Existenz bangen, oder als Bewohner von Seniorenheimen Weihnachten noch einsamer sind und nicht einmal mit ihren Kindern feiern können. Wenn ich höre, wie Menschen um schwerkranke Angehörige in den Kliniken bangen und sie erst besuchen dürfen, wenn es ganz schlimm wird, wenn ich in den Nachrichtensendungen in die erschöpften Gesichter von Ärztinnen und Pflegenden schaue, frage ich ehrlich gesagt auch manchmal, warum Gott das alles zulässt. 

Die Weihnachtsgeschichte verschiebt diese Fragestellung: Die Hirten auf dem Felde waren arme und unbehauste Leute. Und gerade zu ihnen kommen die Engel. Zuerst sollen diejenigen die gute Nachricht von der Menschwerdung Gottes hören, die auch am meisten danach verlangen. Die satt sind, haben oft wenig Hunger. „Ehre sei Gott in der Höhe“, singen die Engel. Und laden dazu ein, Gott zu loben und ihm dafür zu danken, was er uns Gutes getan hat. Und da findet sich immer irgendetwas. Der Perspektivwechsel auf die Dankbarkeit weckt Freude und schenkt neuen Mut. „Und Frieden auf Erden, bei den Menschen seines Wohlgefallens“, fahren die Engel fort und laden dazu ein, den Frieden zu suchen, wo immer Dinge zwischen uns und anderen offen sind. Laden uns ein, für den Frieden zu beten und für Menschen in Not. Ehre sei Gott in der Höhe und Frieden auf Erden: Gottesliebe und Nächstenliebe sind gute Geschwister.

In der Weihnachtsgeschichte machen sich die Hirten sogleich auf den Weg zur Krippe. Und sie finden alles so, wie ihnen verheißen ist: Keine trügerische Hoffnung, sondern das Licht des Lebens scheint ihnen hell entgegen. Der Anblick des Kindes in der Krippe weckt Freude in ihren Herzen und öffnete ihre Lippen. Sie danken Gott für das Wunder neuen Lebens und erzählen allen davon.

Wenn ich mir die Weihnachtsgeschichte so vor Augen führe, verstummt meine Frage, wie Gott das Schwere und jetzt auch die Pandemie zulassen kann. Vielmehr erkenne ich in der Geschichte von Jesu Geburt, dass Gott sich gerade dahin begibt, wo das Leben schwer wird. Nicht in den Palästen und Tempeln seiner Zeit kommt Gott zur Welt, sondern in einem zugigen Stall. Nicht in Samt und Seide wird Gottes Sohn gebettet, sondern auf Heu und auf Stroh. Und später wendet sich Jesus besonders den Mühseligen und Beladenen zu, setzt sich zu ihnen und überwindet den Abstand, der zwischen Ihnen und der Gesellschaft liegt, überwindet auch den Abstand zwischen Menschen und Gott. Vielleicht geht diese Botschaft bei aller romantisierenden Weihnachtsidylle, die wir alle Jahre inszenieren, oft unter.

Als nächstens rückt für mich eine andere Frage in den Mittelpunkt: Nicht die Frage, wie Gott das Leiden zulassen kann. Sondern die Frage, wo wir ihn im Leiden entdecke und seine hilfreiche Nähe spüre. Das ist die Frage eines Glaubens, dessen Blick sich über das Unheil hinweg auf die Hoffnung richtet. Gott hilft. Er sitzt an den Krankenbetten und kommt in die Stuben der Einsamen. Er hilft nicht durch Geisterhand, sondern begeistert und begabt Menschen dazu, anderen ganz konkret zu beizustehen. Und das ist gerade in den zurückliegenden Monaten unendlich oft geschehen: Auf vielfältige, fantasievolle und selbstlos Weise. Und unabhängig von der Frage, ob sich diese Menschen als Christinnen und Christen verstehen, leuchtet in ihrem Engagement für mich die Liebe Gottes auf.

Und dann schließt sich gleich die nächste Frage an, nämlich wozu auch ich jetzt berufen bin, was auch ich in dieser Krise tun kann, um Gottes Liebe weiterzugeben und Menschen neue Hoffnung zu geben. Weihnachten öffnet unsere Augen für Menschen, denen wir zu Nächsten werden.

„Die Hirten kehrten wieder um, priesen und lobten Gott für alles, was sie gehört und gesehen hatten, wie denn zu ihnen gesagt war.“ Gott kommt um uns zur Seite zu stehen, oft still und unerkannt. Er kehrt mit seinem Segen ein in jedes Haus und wird uns durch die schweren Zeiten tragen. 

Es ist Corona. Aber noch viel mehr ist Weihnachten. Gott mitten unter uns. Amen.
Quelle: Jeanine Rudat