Kirchenkreis Göttingen

Fachstelle Sucht und Suchtprävention kritisiert Glücksspielordnung

Wed, 11 Mar 2020 09:46:58 +0000 von Jeanine Rudat

Die Fachstelle Sucht und Suchtprävention des Diakonieverbands des Evangelisch-lutherischen Kirchenkreises Göttingen sieht die neue Glücksspielordnung kritisch.
 
Am 12. März berät Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil zusammen mit seinen Amtskollegen in Berlin auf der Ministerpräsidentenkonferenz über eine neue Glücksspielordnung, die am 1. Juli 2021 in Kraft treten soll.
 
Der Glücksspielneuregulierungsstaatsvertrag sieht unter anderem eine Liberalisierung von (außer in Schleswig-Holstein) bisher verbotenen Glücksspielangeboten im Internet vor. Vorgesehen ist dabei die Etablierung einer zentralen Behörde zur Überwachung und Einhaltung der Richtlinie hinsichtlich Jugend- und Spielerschutz. „Dies erscheint mit Blick auf den Jugend- und Spielerschutz sehr begrüßenswert, insbesondere die Option der Sperrung, da die die aktuellen Angebote bisher keiner Einschränkungen unterliegen“, erklärt Kristin Otte von der Fachstelle Sucht und Suchtprävention. Fragwürdig bleibe, inwiefern die Umsetzung einer zentralen Aufsichtsbehörde und somit auch die Einhaltung der Beschränkungen realisierbar seien. „Ein gleichzeitiges Spielen auf unterschiedlichen Seiten soll verhindert werden sowie das Einzahlungslimit auf 1.000 Euro im Monat begrenzt sein. Um diese Maßnahmen umsetzen zu können, müsste man eine ganze Person überwachen, da erfahrungsgemäß eine spielende Person mehrere Spielerkonten verwendet. Das Einzahlungslimit ist auch sehr hoch angesetzt. Dass jemand diese Summe nach Abzug restlicher Kosten zum Spielen frei zur Verfügung hat ohne dadurch Schulden aufzunehmen zu müssen, gilt es kritisch zu hinterfragen“, merkt Otte an.
 
Das Risiko ein problematisches Glücksspielverhalten durch Angebote im Internet zu entwickeln ist laut einer Studie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung aus dem Jahr 2018 neunfach erhöht. Gründe dafür sind die Möglichkeit rund um die Uhr zu spielen, die schnelle Taktung, die hohe Ereignisfrequenz, die fehlende Sozialkontrolle, die Anonymität und das bargeldlose Bezahlen. „Aufgrund der hohen Verfügbarkeit von Online Glücksspielangeboten und einer geringeren Hemmschwelle zur Nutzung, kann davon ausgegangen werden, dass Personen für Glücksspielangebote erreichbar sind, die sonst nicht über den direkten Kontakt in Spielhallen/-banken gekommen wären“, so Otte.
 
Sie weist insbesondere auf den besonderen Schutz von Kindern und Jugendlichen hin. „Aus der Suchtforschung weiß man, je früher der Kontakt zu Suchtmitteln ist desto höher das Risiko einer Suchtentwicklung. Die Legalisierung der Glücksspielangebote im Internet sollte somit einen noch stärkeren Fokus auf die Suchtprävention von Glücksspiel setzen“, fordert die Suchtberaterin. Im Drogen- und Suchtbericht 2019 werde bei 16- und 17-jährigen Jungen ein leichter Anstieg an problematischen Glücksspielverhalten seit 2013 beschrieben, besonders bei nicht genehmigten Online-Sportwetten. Weitere wichtige Punkte seien Glücksspielelemente in Onlinespielen in Form von Lootboxen, die im Spiel erwerbbar sind und einen Spielvorteil bringen. „Derartige Finanzierungsinstrumente in Onlinespielen lassen die Grenze zum Glücksspiel verschwimmen und bergen Risiken hinsichtlich eines ersten Kontaktes für Kinder- und Jugendliche mit Glücksspiel“, mahnt Otte.
 
Die Fachstelle Sucht und Suchtprävention in Göttingen hat in der Regel etwa 75 bis 100 Beratungskontakte pro Jahr. 2019 benannten von den 75 betroffenen Personen 10 Personen, dass sie Internetglücksspiele benutzt haben bzw. ausschließlich benutzen.
Quelle: Verena Freynik